Nachdem wir bis letzten Schabbat 50 Tage gezählt haben, bekommen wir diese Woche in Paraschat Nasso 60 besondere Buchstaben. Während man bei fast allen Themen unseres Wochenabschnitts auf den ersten Blick meinen könnte, sie hätten nicht viel mit uns zu tun (Richtlinien zu “Nasir“, “Sota“, Liste der Abgaben der Nesi’im), glauben die meisten sicherlich auf den ersten Blick, dass diese 60 Buchstaben unseres Abschnitts sie unmittelbar persönlich ansprechen. Es geht um die Wörter: “Der Ewige segne dich und behüte dich. Der Ewige lasse sein Antlitz dir leuchten und sei dir gnädig. Der Ewige wende sein Antlitz dir zu und gebe dir Glückseligkeit.” (Im Hebräischen genau 60 Buchstaben). – Wir rezitieren diesen Text in jeder lauten Wiederholung der Amida, an Festtagen wird er dabei sogar eindrücklich performed von den Kohanim der Gemeinde (wenn die Mussaf-Amida vollständig wiederholt wird und es nicht nur Hecha Keduscha gibt, wie bei uns letzten Schabbat). Viele Bar und Bat Mitzwas, neue Ehepaare, neue in der jüdischen Gemeinschaft, usw. bekommen mit diesen Worten persönliche gute Wünsche von der Gemeinde mit auf ihren Lebensweg, oft mit schönen Melodien. Aber die Tora sagt gar nicht: So sollt ihr die Bne Mitzwa segnen, sondern es heißt:
»Der Ewige redete ferner mit Mosche und sprach: »Rede mit Aharon und seinen Söhnen und sage ihnen: Auf folgende Weise sollt ihr die Kinder Jisraels segnen, mit diesen Worten sollt ihr sie anreden: • ›Der Ewige segne dich (jewarecha haSchem) und behüte dich (wejischmerecha). • Der Ewige lasse sein Antlitz dir leuchten (ja’er haSchem panav elecha) und sei dir gnädig (wichuneka). • Der Ewige wende sein Antlitz dir zu (jissa haSchem panav elecha) und gebe dir Glückseligkeit (vejasem lecha schalom).’ • So sollen sie meinen Namen über die Kinder Jisraels aussprechen und ich werde sie segnen.«
Dieser Text – im Hebräischen wie gesagt 60 Buchstaben – kommt recht überraschend nach dem Ritual über die Sota (ein Eifersuchtsritual: Wenn ein Mann seine Frau verdächtigt, fremd zu gehen, soll Gott das letzte Wort haben, nicht Menschen), den Gesetzen zum Nasir (einem Enthaltsamen: Jemand kann freiwillig für eine bestimmte Zeit auf Wein, Haareschneiden und den Kontakt mit Totem verzichten. Die Haftara diese Woche erzählt von Schimschon, einem “Nasir”), und einer Liste der Abgaben der Stammesoberhäupter, wo zwölfmal das gleiche gelistet wird. Am Ende lernen wir überraschend: Segen kommt nicht durch Sota oder Nazir oder die reichhaltigen Beiträge der Stämme. Man hätte ja auch sagen können: Wenn du nie das Sota-Ritual durchführen musst, oder wenn du viel Silber und Vieh hast, oder wenn du viele solcher beeindruckender Nazirim unter dir hast, dann bist du super gesegnet. Dem ist aber nicht so. Der Nazir (Askzet) ist für die Gemeinschaft komplett egal. Er tut nur etwas für sich selbst. Selbst Mosche, der Vermittler des Rechts, ist nicht der Vermittler des Segens. Es sind Aharon und die Priester (beim Duchenen bedecken sie heutzutage ihr Gesicht, es geht nicht um Individuen), die den Segen vermitteln. Hier geht es um Liturgie, Gottesdienst, Ritual, Kult.
Die Struktur der Sätze des Segens im Hebräischen erinnern etwas an die Knoten der Zizit. (Diese sind in unserer Tradition 7 – 8 – 11 – 13 Windungen) Im Segen haben wir statt Fadenwindungen natürlich Wörter, und zwar eine Folge von 3 – 5 – 7 Wörtern. Drei Wörter wie die drei Erzväter Avraham, Jizchaq und Ja’akov, fünf Wörter wie die fünf Bücher der Tora, sieben Wörter wie die Tage einer Woche. Unsere Gemeinschaft als Nachkommen Avrahams und Saras etc., unser Leben mit der Tora, die Wochen unseres Lebens bringen uns Segen. Insgesamt ergeben die drei Sätze des Segens 15 Wörter: 15 wie die fünfzehn Stufen früher zum Eingang des Tempels, hinauf zur Gegenwart des Göttlichen. Der göttliche Name wird in jedem einzelnen der drei Segen erwähnt, in dem Satz mit 3, dem Satz mit 5 und dem Satz mit 7 Wörtern. Es ist ein dreifacher Segen. (vgl. Koh 4,12: eine dreifache Schnur reißt nicht.)
Was bedeutet es, diesen Segen zu erhalten? In den Geschichten von Avraham und Sara, Jizchaq und Rivka, Jakob und seiner Familie ging es ja immer wieder darum, gesegnet zu werden. Die Tradition Avrahams und Saras wurde auf diese Weise weitergegeben, von einer Generation and die nächste. Gesegnet zu sein bedeutet in der Antike zunächst, fruchtbar zu sein und sich zu vermehren; in anderen Worten könnte man sagen, das Leben zu erhalten und zur Vermehrung von Leben beizusteuern. Gleichzeitig bedeutet es, religiöses Leben zu erhalten. Eine Bat Mitzwa / ein Bar Mitzwa, die/der von der Gemeinde einen Segen bekommt, erhält damit den Wunsch der Gemeinde: Mögest du in deinem Leben zum Leben der jüdischen Gemeinschaft beitragen! Das wünschen wir uns alle von Herzen.
Die jüdische Tradition hat sich intensiv damit beschäftigt, wie man diese 15 Wörter sagen soll. Denn zum Wie sagt die Tora ja kaum etwas. Sie sagt nur, dass Aharon und die Kohanim sie sprechen sollen. Aber wie? Stehend? Sitzend? Laut? Leise? In welcher Sprache? In welche Richtung gewandt? Mit welcher Körperhaltung? Und viele weitere Fragen. Die wichtigsten Ergebnisse der Diskussion der Rabbinen sind (vgl. z.B. BemR 11:4): Man sagt den priesterlichen Segen stehend, in Hebräisch, mit emporgehobenen Händen, die zuvor von den Levijim gewaschen wurden. Man sagt ihn laut und spricht dabei Gottes Namen aus. Weil es heißt: “Sage ihnen …”, rezitiert heutzutage der Vorbeter/ die Vorbeterin die Worte zuerst, die Kohanim wiederholen sie, Wort für Wort. Man rezitiert Vers für Vers, und “Gesicht zu Gesicht” (also nicht mit dem Rücken zugewandt), aber bedeckt dabei das Gesicht, so dass man immer ein anonymer Segensspender bleibt. Die Hände sollen ein Schin bilden, also Gottes Namen anzeigen. (Man sieht es nicht, weil dies unter dem Tallit geschieht.) Es heißt: “Wenn unsere Sünden gegen uns zeugen, dann soll man so tun.” (BemR) Ein ganz wichtiger Aspekt des Segens ist also: Vergebung. Vielleicht würden wir anders miteinander umgehen, wenn man sich immer wieder klar macht: der/die andere neben mir ist auch gesegnet, genau wie ich selbst.
Zum Vollzug dieser Wörter gesellt sich auch die Frage, was die Wörter bedeuten oder auch was das Ergebnis des Vollzugs ist. Die jüdische Auslegungsgeschichte, die Midraschim und die Kommentatoren haben vieles in die 30 Buchstaben der 15 Wörter der drei Sätze des Segens hineingelesen.
Mit Segen ist Schutz verbunden. Ein Midrasch erklärt: Wenn ein König von Fleisch und Blut einen Knecht in Syrien hat, er selbst aber in Rom wohnt, so schickt der zu ihm hin, dass er zu ihm komme und gibt ihm 100 Lira Gold, welches derselbe auflädt und seine Rückreise antritt. Da fallen aber Räuber über ihn und nehmen ihm alles, was der König ihm gegeben, überhaupt alles, was er bei sich hat. Konnte er ihn wohl vor den Räubern schützen? Darum heißt es hier: “Der Ewige segne dich“: nämlich mit Reichtum. “und behüte dich“, nämlich vor Räubern (BemR 11,5).
Aber wie man sich denken kann, sind der Deutungsmöglichen viele. Der Sinn könnte auch sein (die folgenden Beispiele sind aus Midrasch BemR 11 und von Raschi): Der Ewige segne dich (יְבָרֶכְךָ) mit Reichtum, und behüte dich (וְיִשְׁמְרֶךָ), dass du einen guten Gebrauch davon machst. Oder: er behüte dich, damit nicht andere über dich herrschen. Oder: er behüte dich vor bösen Geistern, welche dich umgeben. Oder: er behüte deine Seele in der Sterbestunde. Wie es heißt: Es sei die Seele … gebunden im Bündel des Lebens. (1 Sam 25,29).
Der Ewige lasse sein Antlitz leuchten (יָאֵר יי פָּנָיו אֵלֶיךָ): Er gebe dir vom Licht der Schechina (vom Licht der göttlichen Gegenwart), wie es heisst: Qumi Uri – Auf, mein Licht (Jes 60,1) (קוּמִי אוֹרִי כִּי בָא אוֹרֵךְ וּכְבוֹד יְהֹוָה עָלַיִךְ זָרָח) Er erleuchte vom Licht der Tora, welches deine Augen und dein Herz erleuchtet, denn es heißt: “Eine Leuchte ist eine Mitzva und die Tora ist Licht” (Prov 6,23). Siehe, die Gesegneten sind auch die Behüteten, und die Schechina wohnt unter ihnen. Woher lässt sich aber erweisen, dass die Worte “und er sei dir gnädig” (וִֽיחֻנֶּֽךָּ) sich auf Erkenntnis und Einsicht beziehen? – Aus dem täglichen Gebet, denn es heißt dort: atta chonen leadam da’at “Du begnadest den Menschen durch Erkenntnis und lehrst dem Erdensohn Einsicht.” Oder: er sei dir gnädig (וִיחֻנֶּךָּ) , er gebe in euch Erkenntnis, dass ihr huldvoll gegeneinander seid und barmherzig miteinander.
Wenn die Kinder Israels den Willen Gottes tun, so erhebt der Ewige sein Antlitz zu dir (יִשָּׂא יְהֹוָה פָּנָיו אֵלֶיךָ), tun sie aber den Willen Gottes nicht, so erhebt er sein Antlitz nicht.
Auch im Priestersegen wird nach allen Segnungen mit Frieden der Schluss gemacht: “Und er gebe dir Frieden.” (וְיָשֵׂם לְךָ שָׁלוֹם) Dies bedeutet, dass alle Segnungen nichts helfen, wenn sie nicht mit Frieden verbunden sind. “Gross ist der Friede, denn sowohl der Segen als auch das tägliche Gebet schließen mit Frieden. Gross ist der Friede, denn seiner bedürfen selbst die Oberen, wie es heisst (Hi 25,2): עֹשֶׂה שָׁלוֹם בִּמְרוֹמָיו – Er macht Frieden in seinen Höhen, siehe, das ist ein Schluss a minori ad majus: nämlich wenn man schon an einem Orte, wo es weder Feindschaft noch Hass gibt (“in den Höhen”), des Friedens bedarf, um wie viel mehr an einem Orte, wo Feindschaft und Hass vorhanden sind.” (BemR 11:7).
Wer steigt da herauf aus der Wüste wie Säulen von Rauch, umräuchert von Myrrhe und Weihrauch, von jedem Gewürz des Händlers? Sieh, es ist Salomos Sänfte. Sechzig Helden sind rings um sie her von den Helden Israels. Sie alle tragen ein Schwert, sind geschult im Kampf. Jeder hat sein Schwert an der Hüfte gegen den Schrecken des Nachts. Eine Sänfte machte der König sich, Salomo, aus Hölzern vom Libanon. – Schelomo: das ist “Gott, welchem der Friede gehört” (לְמִי שֶׁהַשָּׁלוֹם שֶׁלּוֹ) 60 Helden ringsum: das sind die 60 Buchstaben des Segens, weil dieselben die Kinder Israels stark machten. Midrasch Shir haShirim Rabba zu 3:7).
Der Wochenabschnitt Nasso, in dem es zu Beginn heißt, Gott sprach zu Mosche: nasso et rosch bne Gerschon (נָשֹׂא אֶת־רֹאשׁ בְּנֵי גֵרְשׁוֹן) (4,22) “Erhebe die Kopfzahl der Kinder Gerschons” entwickelt sich hin zu dem Satz, den die Nachkommen Aharons sprechen sollen: jissa haSchem panav elecha (יִשָּׂא יְהֹוָה פָּנָיו אֵלֶיךָ): Gott möge sein Anlitz über dich erheben. Vielleicht könnte man die enorme Vielfalt der Deutungsweisen der 15 Wörter des priesterlichen Segens so zusammenfassen als Gedanke für diese Woche: Möge es uns vergönnt sein, ein gutes Leben zu führen, mit materiellen Reichtum und in körperlicher und seelischer Gesundheit. Mögen wir vom Gefühl der Vergebung geprägt sein. Mögen wir Vertrauen in Gutes haben, voll von guter Erkenntnis und Einsicht.
Dr. Annette M. Boeckler
[Haben Sie weitere Gedanken zu diesem Wochenabschnitt oder zur Haftarah? Oder Fragen dazu? Schreiben Sie einen Kommentar (siehe unten).
Für Kinder
Der Tora-Abschnitt für diese Woche heißt “Nasso“. Das bedeutet: “Erhebe” Der Abschnitt ist der längste Wochenabschnitt in der Tora. Er enthält einen sehr wichtigen Text, der oft in der Synagoge gesagt wird:
»Der Ewige redete mit Mosche und sagte: Rede mit Aharon und seinen Kindern und sage ihnen: Auf folgende Weise sollt ihr die Kinder Jisraels segnen, mit diesen Worten sollt ihr sie anreden: ›Der Ewige segne dich und behüte dich. Der Ewige lasse sein Gesicht über dir leuchten und sei dir gnädig. Der Ewige wende dir sein Gesicht zu und gebe dir Frieden.’ So sollen sie meinen Namen über die Kinder Jisraels aussprechen und ich werde sie segnen.«
Was bedeutet solch ein Segen für dich? Wie verstehst du diesen Text, was meinst du: Was ist “Segen”? Was meinen andere in deiner Familie dazu? (Es sind viele verschiedene Antworten möglich, für verschiedene Menschen bedeuten diese Wörter verschiedenes.)
Kannst du die Wörter des Segens in die richtige Reihenfolge bringen?

