Bileam und sein Esel

Chukkat-Balak

“Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel!” – Dieser Satz aus dem Wochenabschnitt wird beim Betreten einer Synagoge gesagt, traditionell leise und privat (wenn überhaupt), in vielen Synagogen jedoch als gemeinschaftstiftender Gesang, monumentales Chorlied oder Vortrag des Chazan. Die meisten werden sich bei diesem Satz, wenn er in der Liturgie vorkommt, wahrscheinlich nicht bewusst machen, von wem dieser Satz ursprünglich stammt. Den Begriff gab es damals noch nicht, aber wir würden heute sagen: der erste Sprecher dieses Satzes war ein Antisemit. Er war sogar offiziell damit beauftragt worden, Israel zu verfluchen, um Israels Existenz auszulöschen. Zu diesem Zweck hatte er seinen Mund geöffnet, war dann aber selbst überrascht, was herauskam: “Wie schön!” So sprach Bileam. In der rabbinischen Literatur hat er stets den Beinamen ha-rasha “der Böse” Dabei waren seine Worte doch so schön! Antisemitismus kommt eben nicht immer frech und gewaltsam daher. Im Gegenteil. Echter Antisemitismus ist meist wohlklingend, mehrheitsfähig und politisch korrekt – Bileam handelt ganz im Auftrag seiner Regierung. “Wie schön sind deine Wohnungen Israel!” – vielleicht meinte Bileam dies ja ironisch?

Die jüdische Tradition sah es nicht so. Sie deutet seinen Satz als Fakt. Aber sie bedenkt noch nicht die Gefahren des modernen Philosemitismus. Auch Philosemitismus kann eine Form von Antisemitismus sein. Auch hier wird durch Projektionen ein festes Bild geschaffen, entsprechend geredet und entsprechend gehandelt. Doch Bileam gilt nicht als ein solcher.

Raschi, der während der Zeit des ersten Kreuzzuges im Rheinland schrieb, nahm Bileams Worte für Fakten und erklärte: Die Zelte und Wohnungen, die Bileam bei den Kindern Israels sah, waren schön, weil die Türen und Fenster alle so angelegt waren, dass niemand in den Privatbereich des anderen hineinschauen konnte. Es galt also schon damals als Gewalt, einem anderen seine Privatsphäre zu nehmen. Hinter seinen Türen darf jeder so leben, wie er es möchte. Man sollte meinen, dies sei eigentlich klar. Doch ist dann alles o.k., was in den eigenen vier Wänden gesagt wird?

Andere Ausleger meinten, “Zelte” steht für “Lehrhäuser”, Schulen und Ausbildungsstätten, während “Wohnungen” die “Synagogen” und Orte der Anbetung meinen. Lehrhäuser und Versammlungsorte seien gut, denn – so sagt Bileam, nach der Erklärung von Sforno –,Lehrhäuser und Synagogen seien für eine Gemeinschaft das, was Bäche und Wasserströme für die Felder sind, die sie bewässern. Schön ist es, wenn aus den Zelten und Wohnungen Hoffnung und Lebenskraft in die Gemeinschaft hineinfließt.

“Zelte” und “Wohnungen” steht im Plural. Die Gemeinschaft besteht also nicht aus einem einzigen riesigen Zelt, sondern aus vielen verschiedenen Lehrhäusern und Wohnungen. Und das klang, nachdem Gott dem Bileam die Worte in den Mund gelegt hatte, als: “Wie schön!”

In unserem Wochenabschnitt begann alles mit Worten. In der Geschichte, die im Wochenabschnitt erzählt wird, werden dramatische Mittel eingesetzt, damit am Ende noch etwas Gutes aus der ganzen Sache mit Balak und Bileam herauskommt. Blieam verkemmt sich den Fuß, eine Eselin erduldet die Stockschläge ihres Reiters, ein Engel mit feurigem Schwert behindert (hebr. “satan”) den Weg von Reiter und Eselin und der Esel – der ja meistens als dumm gilt – öffnet plötzlich seinen Mund und spricht, als letzte Maßnahme dreht Gott dem Zauberer Bileam das Wort im Mund um. Die Geschichte schildert anschaulich, wie schwierig es sein kann, jemanden davon abzuhalten, einer anderen Gruppe Böses zu wollen, sobald man einmal auf seinem Weg ist.

Doch es gibt auch heute einen Weg, Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit, Fremdenhass, Homophobie, und ähnliches wirksam zu bekämpfen. Ein bekannter Aphorismus, der oft im Talmud vermutet, dort aber nicht zu finden ist (vielleicht ist es eher ein altes chinesisches Sprichwort?) bringt die Lehre unseres Wochenabschnitts gut auf den Punkt:

Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte.
Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.
Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.
Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.
Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.

In unserem Wochenabschnitt begann alles mit Worten.

Der Abschnitt endet mit dem Hinweis auf Bildungsorte: Lehrhäuser, Synagogen, Privathäuser: Hier lernen wir unsere Worte.

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