20250829 233320

Bemidbar

Wo gehören wir eigentlich hin? Wo sind wir zuhause? Ich meine nicht unsere Wohnadresse, sondern den Ort, wo wir 100% genau hingehören. Dies war keine rhetorische Frage. Ich weiß die Antwort auch nicht. Ist der Ort von Jüdinnen und Juden das Land Israel? Der Staat Israel? Ist der Ort von Jüdinnen und Juden gerade nicht im Land oder Staat Israel, sondern erst recht in der Diaspora? Oder irgendwo dazwischen – im Pendeln zwischen beiden Orten? Es gibt bekannte jüdische Vertreter für alle diese Positionen.

Schon im Mittelalter meinte Jehuda haLevi aus Spanien: “Im Osten ist mein Herz,ich aber sitze im äußersten Westen. Wie soll mich erfreuen, woran sonst ich Lust empfand?« Und ganz im Gegenteil davon sagte im 19. Jh. zum Beispiel Gotthold Salomon in Hamburg: “Gott hat sich auch uns offenbart: dort auf Leipzigs Feldern.” (Er meinte die Leipziger Völkerschlacht.) Bis heute sagen einige Jüdinnen und Juden: Zuhause sind wir in dem Land, in dem wir leben. Aber immer wurde das in Frage gestellt, es war nicht möglich, dort zu leben, wo man lebte. Und in unserer Generation wird auch ersteres in Frage gestellt: Ist Israel noch Zuflucht? Wo gehören wir eigentlich hin? Und wie definieren wir unsere jüdische Identität?

Trägt unser Wochenabschnitt für diese Woche, Bemidbar, zur Antwort bei? Er beginnt mit zwei zentralen biblischen Orten: In der Wüste Sinai. Im Stiftszelt. Das eine ist ein offenes, weites Land. Das andere ist ein begrenzter, durch Vorhänge nach präzisen Maßangaben umschlossener Raum.

Nächste Woche werden wir aber lesen, dass die Kinder Israels aufbrechen und weiterziehen. Doch Warnmeldung: Die Generation des Auszugs aus Ägypten wird nie im Land Israel ankommen – auch davon erzählt das vierte Buch der Tora, das wir diesen Schabbat zu lesen beginnen.

Ist unser Zuhause also weder hier noch dort, sondern das Unterweg-Sein dazwischen? Ist jüdisches religiöses Leben als eine Art Road-Movie?

In der Wüste – so beginnt unser Wochenabschnitt. Es folgen keine Klischees und es endet auch nicht damit, dass Religiösität am Ende aufgegeben wird. Im Gegenteil, das Buch, das mit “In der Wüste” beginnt, endet mit dem Satz: “Das sind die Gebote und Rechte, die der Ewige geboten durch Mosche den Kindern Israel in den Steppen Moabs am Jordan vor Jericho.”

Wo sind wir zuhause?

Liest man Paraschat Bemidbar mit dieser Frage, dann ergibt sich folgendes: Leute werden gezählt. Raschi sagt, das geschieht, weil jede einzelne Person wichtig ist, jedes Menschenleben individuell wertgeschätzt wird. Außerdem heißt es, man soll sich versammeln. Einzelne Gruppen der Gemeinschaft bekommen besondere Aufgaben und Verantwortungen, die sich auf das Heiligtum beziehen – das Stiftszelt – , wo der Dialog vor Gottes Gegenwart ermöglicht werden soll. Viele tragen dazu bei, dass dieses Heiligtum gebaut wird, aber auch abgebaut wird und weiterzieht, sei es durch Schleppen von Brettern oder Stoffen, den Auf- und Abbau, oder die Durchführung von Ritualen. Man soll lagern, aber auch aufbrechen. Veränderung und Ruhe, beide gleich wichtig. Wo sind wir zuhause in all dem Ruhen und Unterwegs-Sein? Das Buch Bemidbar gibt die Antwort nicht in Form geographischer Orte. Das muss jeder von uns selbst herausfinden und darüber mit anderen diskutieren. Das vierte Buch der Tora schlägt vor: jüdische Heimat ist dort, wo Menschen eine jüdische Gemeinschaft gestalten und dabei gemeinsam einen Weg gehen, machmal rasten und ruhen und das Genießen, was da ist; manchmal aufbrechen, verändern, als Gemeinschaft weiterziehen, manchmal sogar verschiedene Wege. Diese Dynamik ist das jüdische Zuhause.

Für Kinder

Der Tora-Abschnitt für diese Woche heißt “Bemidbar”. Das bedeutet: “In der Wüste!” Der Abschnitt beginnt damit, dass die Kinder Israels gezählt werden und Zeltplätze für jede Familie für die Reise bestimmt werden. Die Aufgaben der Leviten bei der Reise werden beschrieben und für was genau sie zuständig sein sollen.

In dem Abschnitt geht es darum, dass jeder Jüdin und jeder Jude zählt, dass das Heiligtum der Mittelpunkt der jüdischen Gemeinschaft ist, und das selbst die banalsten Aufgaben (Vorhang aufhängen, Balken tragen, usw.) heilig sein können.

Schabbat Schalom abonnieren
Schabbat Schalom abonnieren
Loading

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert