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Beha’alotcha

Was kann man tun, wenn sich um einen herum alles verändert? Wenn die Welt in der Krise ist, wenn man ahnt, dass grosse Veränderungen auf einen zu kommen?
Der Torabschnitt von dieser Woche erzählt von solch einer Zeit und vom Zentrum der jüdischen Gemeinschaft – der Mitte, die das System stabilisiert. Der Text beschreibt typische Probleme einer Gesellschaft in einer sich verändernden Zeit. In unserem Abschnitt verlassen die Kinder Israels den Sinai (unser Abschnitt enthält die berühmen Sätze, die wir bis heute bei der Aus- und Einhebung der Tora zitieren) und es beginnt eine 40jährige Wüstenwanderung, an deren Ende diese Generation ihr Ziel nicht erreichen wird. Doch zunächst spricht unser Abschnitt vom Zentrum der Gemeinschaft: der Mitzva “Wenn du die Lichter hinaufsteigen lässt, so lasse alle sieben Lichter vorwärts dem Leuchter gegenüber ihr Licht werfen.” Der siebenarmige Leuchter im Heiligtum, eines der ältesten Symbole des Judentums, ahmt die Form einer Pflanze nach, mit Blüten, Blütenansätzen und Stielen. Ein schönes Bild in diesen Tagen, wo die Pflanzen blühen und immer grüner werden. Kann es ein deutlicheres Symbol für Lebendigkeit und Leben geben als ein Gewächs, dass keimt, sprosst und wächst und sich ständig verändert? Und kann es ein klareres Symbol geben für Veränderungen als Feuerflammen in Öllämpchen? Flammen, die nur deshalb leuchten, weil sie beständig durch das Öl genährt werden? Eine Pflanze aus Gold, die Flammen auf ihren Zweigen trägt, – in der Tora selbst wird dieses Bild nicht weiter gedeutet, doch in der Haftarah für diesen Schabbat heisst es, der Prophet Sacharja wurde einmal von einem Engel aus dem Schlaf geweckt und gefragt: “Was siehst du?” Der noch schlaftrunkene Prophet erwiderte: “Ich sehe einen Leuchter aus reinem Gold und eine Schale oben darauf und sieben Öllampen darauf…” Der Engel fragte ihn: “Weisst du, was das bedeutet?” Und der Prophet Sacharja antwortet: “Nein.” Und der Engel erklärt ihm: “Das ist das Wort des Ewigen: Nicht durch Macht, nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist, spricht Gott.” Im Hebräischen sind dies genau sieben Worte, und sie entsprechen den sieben Armen des Leuchters: lo vechajil velo vechoach ki im beruchi “nicht Macht, nicht Kraft, sondern mein Geist”. (Übrigens, wenn man genau hinschaut, findet man diese Worte über dem Eingangsportal der Synagoge in der Roonstr. Ein Satz, den man übrigens selten über einem Synagogenportal findet.)

inschrift roonstrasse sacharja

Die Vision des Leuchters in der Haftara, der mit diesen sieben Wörtern erklärt wird, ist dort eine Lehre für einen Politiker des 6. Jahrhunderts vor der Zeitrechnung, Serubbawel. Aber auch in der Tora geht es um Politik und Gesellschaft. Schauen wir zurück in den Abschnitt Beha’alotcha.
Es werden Aufgaben in der Gemeinschaft verteilt. Einige werden bestimmt zum Dienst am Heiligtum – d.h. Bretter und Stoffe schleppen, Zelt und sonstige Utensilien ab- und aufbauen, Reinigungsarbeiten ausführen, und so weiter. Rabbiner David Golinkin stellte fest, dass der Abschnitt sechs wichtige Charaktereigenschaften beschreibt, die Verantwortungsträger haben sollten. Er lernt dies aus Mosches Reaktionen auf die Ereignisse innerhalb der Gemeinschaft. Auf eine offene Frage in Kapitel 9 sagte Mosche: “Ich weiss es nicht” Ich muss mich erst kundig machen. Mosche macht in Kapitel 10, als Jitro zurückkehren will, deutlich, dass er sachkundige Berater braucht. In Kapitel 11, als das Volk murrt und protestiert und demonstriert über die miese Situation der Gegenwart und eine Demonstration für bessere Ernährung abhält, geht Mosche die Lage mit Hilfe von 70 Ältesten an. Er leitet das Volk nicht alleine, sondern mit einem Team. Am Ende dieses Kapitels, als prophetischer Geist auf die Ältesten kommt, ist es für Mosche ok, dass er auch auf zwei Mitglieder am Rande kommt. Als jemand hastig zu Mosche rennt und berichtet und sagt: “Verbiete es ihnen!” prophetisch zu reden, antwortet Mosche relaxed: “Ich wünsche, das ganze Volk des Ewigen wäre lauter Propheten.” Wie schön wäre es, wenn Gott seinen Geist sogar auf alle legen würde. Mosche ist nicht neidisch oder von Konkurrenzangst geplagt. Er freut sich über die Vielfalt. Mosche war ein sehr geduldiger Mensch, heisst es in Kapitel 12. Er konnte vergeben. Er betete um das Wohl von anderen Menschen. “Ach Gott, heile sie doch!” betet er, als Mirjam von einer ansteckenden Krankheit befallen wird.
Doch auch der Leiter, Mosche, ist letztlich Glied der Gemeinschaft, in deren Mitte das Heiligtum ist mit dem Licht, dass immer wieder neu entfacht wird. Nach Ex 19,6 wurden wir am Sinai zu einem “Volk von Priestern”. Es ist Aufgabe der Gemeinschaft, das Licht am Leuchten zu halten. Es klingt nach einer einfachen Aufgabe, aber manchmal kann es schwer sein, regelmässig das Licht auf dem Leuchter zu entfachen. Manchmal sind wir durch die Vergangenheit verbittert, durch die Gegenwart entmutigt oder für die Zukunft hoffnungslos. Dennoch ist es eine Mitzwa, ein beständiges Licht auf den sieben Armen des Leuchters zu entzünden. Das Licht, dass Lebendigkeit und Hoffnung symbolisiert, Mitte und Orientierung für die ganze Gemeinschaft.

Für Kinder

Der Tora-Abschnitt für diese Woche heißt “Beha’alotcha“. Das bedeutet: “Wenn du emporhebst”. Gemeint sind Öl-Lämpchen, die auf einen siebenarmigen Ständer gestellt werden. Der Ständer symbolisiert eine Pflanze mit Stamm und Zweigen. Die sieben Lichter oben darauf sollen beständig brennen. Dafür war der Priester Aharon zuständig.

Ein wichtiger Kommentator, Nachmanides, brachte diesen Leuchter mit dem Chanukka-Leuchter in Verbindung. Wenn du dich also fragst, was du aus diesem Abschnitt lernen könntest, könntest du dich fragen, was die Chanukka-Lichter für dich bedeuten und wie es wäre es, wenn jeden Tag Chanukka wäre, wenn diese Lichter also immer brennen würden? Frag doch mal in deiner Familie, was sie dazu meinen. – Es ist übrigens tatsächlich fast so, denn an jedem Schabbat zünden wir Lichter, so dass jeder Schabbatbeginn ein kleines bisschen wie Chanukka ist. Wenn wir die Schabbatlichter zünden, sagen wir in der Bracha, Gott hat uns geboten, Schabbat-Licht zu entzünden, so wie damals Aharon die Lichter im Heiligtum entzünden sollte.

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